Neinsagen für Fortgeschrittene: Wer „Nein“ sagen kann, kann auch „Ja“ sagen.

Wer Nein sagen kann, kann auch Ja sagen.Viele Menschen wünschen sich, in Ihrem Alltag öfter „Nein“ sagen zu können – sei es, weil sie sich stets zu viel vornehmen, weil sie Verantwortung schwer abgeben können oder weil es ihnen schwerfällt, anderen einen Wunsch abzuschlagen. Das Ergebnis ist oft Unzufriedenheit und Überlastung.

Im Coaching ist es für diese Menschen im ersten Schritt wichtig, ein Gefühl für eigene Bedürfnisse zu gewinnen und diese ernst zu nehmen. Für einen Menschen, der sich – vielleicht zum ersten Mal im Leben – nach seinen ganz persönlichen Bedürfnissen fragt und anfängt, diese gegenüber anderen zu vertreten, ist das oft ein sehr bewegender und befreiender Prozess.

Wer jedoch anfängt, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und neue Grenzen zu stecken, erfährt unter Umständen auch Kritik und hat das Gefühl, den neu gewonnenen Freiraum gegenüber anderen verteidigen zu müssen. Für Angehörige kann es zuweilen gewöhnungsbedürftig und manchmal auch verstörend sein, wenn ein vertrauter Mensch anfängt, ungewohnte Grenzen zu ziehen. Wer eine solche Reaktion aus seinem Umfeld spürt, neigt nicht selten dazu, noch vehementer „Nein“ zu sagen und eine ausgeprägte Unnachgiebigkeit zu entwickeln, obwohl er vorher stets kooperativ war.

„Seit mein Mann eine Therapie macht, ist er vom Jasager zum Neinsager geworden“, erzählte mir beispielsweise eine Kollegin. Eine solche Situation ist in der Regel für alle Beteiligten unbefriedigend. Sie ist aber ein wichtiger Entwicklungsschritt auf dem Weg zu einem klaren und stimmigen Umgang mit sich und anderen. Und dieser drückt sich nicht in einem mechanischen Ja- oder Neinsagen aus, sondern in der Freiheit, je nach Situation individuell zu entscheiden.

Stellen Sie sich vor, Sie kriegen einen Anruf von einem guten Freund, und zwar zu einem Zeitpunkt, der Ihnen gar nicht gelegen kommt, weil Sie gerade Ihre Ruhe haben möchten. Wenn Sie sich über Ihr Bedürfnis nach Ruhe nicht richtig im Klaren sind und es Ihnen schwerfällt, den Freund abzuweisen, dann werden Sie sich womöglich auf das Gespräch einlassen und währenddessen unterschwellig schlechte Laune haben.

Anders verhält es sich, wenn Sie sich darüber im Klaren sind, dass Sie auf das Gespräch in diesem Moment keine Lust haben, denn dann haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder Sie sagen ganz offen, dass Ihnen der Zeitpunkt nicht passt, und vertagen das Gespräch. Oder Sie entscheiden sich bewusst für das Gespräch, obwohl es Ihnen ungelegen kommt. Vielleicht, weil Sie Ihrem Freund eine Freude machen wollen. Und darin liegt ein wesentlicher Unterschied.

Hinter dem Wunsch, „Nein“ sagen zu können, steht im Wesentlichen das Bedürfnis, zwischenmenschliche Beziehungen aktiv zu gestalten, statt ihnen passiv ausgeliefert zu sein. Wer die Freiheit, „Nein“ zu sagen erst einmal entwickelt hat, der wird vielleicht viel öfter als erwartet „Ja“ sagen. Mit dem wichtigen Unterschied, dass er sich bewusst für das „Ja“ entscheidet und sich nicht mangels Alternativen dazu gezwungen fühlt.